Lübeck

„Ich bin Täter, ich war ein Idiot“: Ex-Neonazi Philip Schlaffer spricht Klartext

Lübeck. Der „Arbeitskreis Demokratie“ der Gemeinde St. Jürgen hatte jetzt (22. Oktober 2026) den ehemaligen Neonazi Philip Schlaffer in die St. Martin-Kirche eingeladen. Schlaffer ist heute Antigewalt- und Deradikalisierungs-Trainer. Er sagt: „Das wird kein Kuschelabend heute. Ich bin Täter, ich war ein Idiot.“

“Arbeitskreis Demokratie” lud zum Vortrag

Schlaffer nimmt kein Blatt vor den Mund. „Meine Sprache ist derb, ich bin ehrlich, es geht zur Sache.“ Kirchenvorstand Carsten Löbbert sagt, Schlaffer, ehemaliger Rocker-Boss, Gewalt- und verurteilter Straftäter, sei berufen, zu diesen Themen zu sprechen in einer Zeit, in der sich viele Sorgen um die demokratische Grundordnung im Land machen. Und er sagt, dass viele rechtsextreme Tendenzen im gutbürgerlichen Lübeck vielleicht gar nicht bemerken. Doch das ist ein Trugschluss. 

“Das wird kein Kuschelabend heute”

Schlaffer ist 48 Jahre alt, er wurde in Lübeck geboren und ist überwiegend in Stockelsdorf groß geworden. Er wuchs mit seiner jüngeren Schwester gut behütet auf. Der Vater hat bei Dräger gearbeitet, die Mutter war technische Zeichnerin. Er war ein guter Schüler, Freunde und Fußball waren ihm wichtig, er hatte ein enges Verhältnis zu seinen Großeltern. 

Im Alter von zehn Jahren zieht er mit seiner Familie nach Großbritannien. Der Vater wurde dorthin versetzt. Weder er noch seine Mutter und Schwester wollten den Umzug. Schlaffer sagt: „Mein Vater war zu Hause ein Diktator. Er hat das einfach entschieden.“ Er verliert alles, was ihm wichtig ist. Doch nach einer Zeit gibt er seine Verweigerungshaltung auf. Er lernt die Sprache, spielt wieder Fußball. 

Vom Fußballplatz unters Hakenkreuz

Vier Jahre später kehrt die Familie nach Deutschland zurück. Schlaffer muss wieder bei Null anfangen, doch diesmal ist alles anders. Sein Verhalten schlägt in Aggression um, er bleibt sitzen, fliegt vom Gymnasium, fängt an, Mitschüler zu terrorisieren und hört rechtsextreme Musik. Sein Vater reagiert mit Liebesentzug: „Wenn Du nicht funktionierst, beachte ich Dich nicht.“ Schlaffer radikalisiert sich: „Innerhalb eines Jahres saß ich unterm Hakenkreuz. Zuhause war jeden Tag dritter Weltkrieg.“ Schlaffer war Teil einer Nazibande geworden und besorgte sich eine scharfe Waffe. „Am Wochenende bin ich los und habe geprügelt.“ Da war Schlaffer längst in die NPD eingetreten. Seine Schwester zog aus, weil sie Angst vor ihm hatte. „Wer mir dumm kam, bekam auf die Fresse.“

„Der erste Mensch, den ich hasste, war mein Vater“ 

Nach außen hin wahrt er den Schein und schließt eine Berufsausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann ab. Mit seiner damaligen Freundin geht er nach Wismar, zieht eine Firma auf, mit der er Merchandise-Artikel für Neonazis verkauft und fängt an, Neonazi-Musik zu produzieren. Er ist Teil einer Gruppe mit 30 Schlägern. „Wir haben die ganze Stadt terrorisiert.“

Schlaffer schont sich nicht, stellt Fragen und zieht das Publikum mit in seinen Vortrag. Er nutzt Effekte beim Sprechen, macht Pausen, spitzt zu, baut Lacher ein. Ein Video zeigt ihn in Wismar mit einem Baseballschlager in der Hand, ein Polizist richtet eine Waffe auf ihn. Erst da wird die brutale Gewalt, von der er spricht, richtig sichtbar. Schlaffer, kurze Haare, groß, breite Schultern, tätowiert, entspricht dem Klischee eines Schlägertypen. Er erzählt, wie einer „seiner Jungs“ einem jungen Mann ein Messer in die Kehle rammt. Das ist jetzt 18 Jahre her. Der Mann, der getötet wurde, hinterließ einen einjährigen Sohn, der über Instagram mit Schlaffer Kontakt aufgenommen hat. „Warum habt Ihr meinen Vater getötet“, schreibt er. 

„Wir haben die ganze Stadt terrorisiert“ 

Schlaffer verlässt diese Gruppe und ist danach als Rocker-Boss in der organisierten Kriminalität und der Prostitution aktiv. Er erzählt, wie das LKA seine Räume stürmt und alles beschlagnahmt. Er sei erleichtert gewesen, sagt er, denn längst leidet er unter körperlichen Symptomen, hatte Migräne und Schlafstörungen. „Mein Leben ist zusammengebrochen.“ Schlaffer ruft seine Mutter an, die krebskrank im UKSH liegt. „Komm nach Hause, Junge“, sagt sie.

Er muss in der JVA Stralsund eine Haftstrafe absitzen und legt dort ein „Lebensgeständnis“ ab. „Ich habe alles gesagt, was ich wusste.“ So gelingt ihm der Ausstieg. Mit seiner Familie ist er inzwischen versöhnt. Schlaffer ist heute auch als Medienexperte unterwegs, man sieht ihn in Talkshows, er ist Autor, Redner und bietet seine Erfahrungen u. a. für Präventionsunterricht in Schulen an. Die Mechanismen seien immer die gleichen: „Neonazis wollen nur eins: Ausländer raus. Sie wollen ein Gemeinschafts- und Überlegenheitsgefühl erzeugen und definieren sich über Rasse und Nation.“ Sie weichen nicht von ihrer Meinung ab. „Wir sind die Guten“, lautet das Mantra. Schlaffer erzählt, wie er hämisch gegen die „Schlafschafe“ im Land gehetzt hat. 

Neonazis wollen in die Mitte der Gesellschaft

Neonazis wollen Grenzen verschieben, sie wollen in die Mitte der Gesellschaft und treten intelligent auf. Sie träumen vom „Tag X“, jenem Tag, wenn die Macht im Staat übernommen wird. Gewalt war noch nie eine Lösung, aber Schlaffer hat längst nicht auf alles eine Antwort. Eine Zuhörerin erzählt, wie sie Zeugin einer Pöbelei im Zug wurde. Sie hatte Angst, etwas zu sagen, machte doch den Mund auf und wurde selbst bedroht. Schlaffer warnt: „Man kann Opfer werden, wenn man sich einmischt.“ Aber Gewalt wird salonfähig, wenn man nichts sagt. Ja, sagt Schlaffer, es sei ein schmaler Grat. Wann sagt man was, wann hält man den Mund? „Ich weiß es nicht“, so Schlaffer.