Kirchenmusikfest: Fan-Gesänge zu Gott auf der Lohmühle
Lübeck. Mit einem Open-Air-Gottesdienst im Fußballstadion an der Lübecker Lohmühle hat das erste Kirchenmusikfest der Nordkirche in der Hansestadt seinen emotionalen Abschluss gefunden. Mehrere hundert Besucherinnen und Besucher aus Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern kamen gemeinsam mit Musikerinnen, Musikern, Sängerinnen und Sängern zusammen, um die Vielfalt der Kirchenmusik unter dem Motto “nord.kirche.klang.” zu feiern.
Hunderte feiern Open-Air-Gottesdienst
Seit dem frühen Sonntagmorgen (21. Juni 2026) hatten die Musiker:innen noch einmal auf der Lohnmühle für den Open-Air-Gottesdienst geprobt. Die Eröffnung des Gottesdienstes übernahm Nicole Thiel, Leitende Pastorin des Hauptbereichs Gottesdienst und Gemeinde der Nordkirche. Sie begrüßte die Gäste auf den Rängen der Haupttribüne mit einem augenzwinkernden Verweis auf dessen eigentliche Nutzung: „Lasst hier, an diesem Ort, an dem sonst der Fußball rollt, Fan-Gesänge zu Gott aufsteigen.“
Nicole Thiel dankte zugleich den vielen Kirchengemeinden, Chören. Musikgruppen und Posaunenchören, die teils mit Bussen zum Gottesdienst angereist waren und das Kirchenmusikfest über mehrere Tage mit Leben gefüllt hatten. Am Freitag (19. Juni 2026) war das Kirchenmusikfest auf dem Markt eröffnet worden.
Musik verbindet Menschen
Im Mittelpunkt der Feier stand die Botschaft, dass Musik Menschen verbindet und Gemeinschaft stiftet. Bischöfin Kirsten Fehrs würdigte die Organisatorinnen und Organisatoren des Festivals und das Engagement der zahlreichen Mitwirkenden. „Was für ein großartiges Projekt ist das denn, hier alle zusammenzubringen und zusammenklingen zu lassen“, sagte sie. Ihr Dank galt insbesondere den Verantwortlichen, die das Festival über Monate vorbereitet hatten: „Danke, dass und wie ihr diese Premiere seit Monaten geplant habt – mit reichlich kleinem Budget und eminent großer Leidenschaft.“
“Menschen leiden unter Gemeinweh”
Kirsten Fehrs, zugleich Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), stellte die gesellschaftliche Bedeutung von Kirchenmusik heraus. In einer Zeit, die vielerorts von Polarisierung, Unsicherheit und Konflikten geprägt sei, brauche es Orte und Erfahrungen, die Menschen verbinden. „Viele Menschen leiden inzwischen unter heftigem Gemeinweh – also Heimweh nach Gemeinschaft“, sagte die Bischöfin. Musik sei eine Sprache, die Menschen über Unterschiede hinweg zusammenbringe: „Musik ist genau solch eine Sprache, die verbindet, die klug ist und das Herz versteht. Wahrhaftig und kraftvoll und tröstlich.“
Musik sei dabei weit mehr als eine Bereicherung kirchlicher Veranstaltungen. „Sie ist nicht etwa schmückendes Beiwerk im Gottesdienst. Sie ist selbst eine Sprache des Glaubens“, betonte Fehrs. Sie könne ausdrücken, was Menschen bewegt, Trost spenden und Hoffnung wecken.
Gänsehaut-Moment mit singender Bischöfin
Neben Fehrs wirkte auch Bischof Tilman Jeremias aus dem Sprengel Mecklenburg und Pommern an dem Freiluft-Gottesdienst mit. Mit sichtbarer Freude stellte er seine musikalische Vielseitigkeit unter Beweis und griff im Verlauf des Gottesdienstes unter anderem zur Posaune und zur Violine. Gemeinsam mit Fehrs gestaltete er eine märchenhafte Erzählung über die verbindende Kraft der Musik, die von musikalischen Einlagen begleitet wurde. Für einen besonderen Gänsehaut-Moment sorgte eine singende Bischöfin Kirsten Fehrs, der im Stadion mit großem Applaus aufgenommen wurde.
Bischöfin Fehrs erzählte ein Märchen von einer himmlischen Melodie, deren Noten in viele kleine Teile zerfielen und auf die Erde fielen. Erst als die einzelnen Fragmente wieder zusammengefügt wurden, entstand die ursprüngliche Schönheit der Musik neu. Für die Bischöfin ist dies ein Bild für das Zusammenleben in Kirche und Gesellschaft: Unterschiedliche Stimmen, Traditionen und Perspektiven ergänzten einander und entfalteten ihre Kraft erst im gemeinsamen Klang.
„Die märchenhafte Lernkurve über die Himmelsklänge haben wir eigentlich nicht mehr nötig, wo es doch Kirchenmusikfeste gibt, bei denen jeder hören kann, wie schön die vom Himmel gefallene Musik klingt – in all ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt“, sagte Fehrs.
Gesang in einer zerrissenen Welt
Zum Abschluss warb sie dafür, der gesellschaftlichen Verrohung und dem zunehmenden Gegeneinander eine andere Haltung entgegenzusetzen. „Das ist der tiefe Sinn heute in dieser zerrissenen Welt“, sagte die Bischöfin. Dem lauten Schreien und den harten Urteilen wolle die Kirche „unsere Dankbarkeit für die Schönheiten des Lebens entgegensingen“. Kirchenmusik sei deshalb mehr als Kunst und Kultur. Sie sei Ausdruck gelebter Hoffnung und ein Beitrag zum Frieden. „Unsere Musik lässt sich nicht unterdrücken“, sagte Fehrs. Sie verbinde Menschen und lasse sie „mit jedem Ton den Frieden ersehnen“.